Home

horizontal rule

Sizilien
8. - 21.10.2005 / 362 km

Wohin im Herbst? In Sizilien ist es bestimmt noch warm.

Ich lande in Catania. Das Rad ist schnell fahrbereit montiert und ich werde bald mit italienischen Verkehrssitten konfrontiert. Regeln werden kaum beachtet; alles ist ein bisschen flotter, viel lauter, etwas aggressiver, aber - äußerst angenehm - niemand besteht auf seinem Recht. Das Wasser hat noch um 24° C,  aber die Strände sind bereits verlassen, viele Urlauberlokale und -hotels geschlossen.

Durch Taormina wälzen sich Touristenströme und ich habe Mühe, für die Nacht ein Hotel zu finden. Das griech.-röm. Theater und den Dom besuche ich nur kurz. Von Castelmola habe ich einen herrlichen Blick über Taormina hinweg aufs Meer und über die Straße von Messina zum kalabrischen Festland. Der Ätnä ist leider in Wolken gehüllt.

Meine Erwartungen an Messina waren völlig anders: altehrwürdig, malerisch usw. Dafür empfängt mich eine moderne, lärmende Großstadt; nach dem Erdbeben von 1908 ist wenig alte Bausubstanz erhalten geblieben. Vor dem Fährhafen reihen sich LKWs und PKWs mehrere Kilometer lang durch die Stadt. Die Brücke zum Festland soll wieder einmal endlich gebaut werden (die Römer, ja sogar noch früher die Griechen haben das angeblich schon geplant). Berlusconi will's wohl richten. Schaun mer mal!

In Torre Faro am Capo Peloro, dem nördlichsten Punkt Siziliens, stehe ich rätselnd vor einem mächtigen Gittermast und gegenüber auf dem Festland erkenne ich ein Gegenstück. Sind das Überreste eines früheren Hängebrücken-Versuchs? Ein junger Mann klärt mich auf. Sizilien wurde über eine Hochspannungsleitung vom Festland mit Strom versorgt. Nach einigen Jahrzehnten wurde diese aus mehreren Gründen technisch mangelhafte Lösung durch ein Unterseekabel abgelöst. Die Masten bleiben als technisches Denkmal erhalten.

Der Nordküste entlang radelt es sich grundsätzlich eben und leicht, aber der Verkehr selbst auf der Landstraße ist unerträglich und oft (z. B. in Villafranca) ist es so eng, dass ich mich nicht einmal mit dem Fahrrad an den stehenden Autokolonnen vorbei schleichen kann.

Ich setze nach Lipari über und - ganz italienisch - werde ich gleich am Hafen von einer lederhäutigen Frau angesprochen: "Camera?" "Si." Fünf Minuten später habe ich ein kleines Zimmer bezogen. In Acquacaldo wird Bims abgebaut, oft als Baumaterial oder auch für die kosmetische Industrie. Aus Umweltgründen soll der Abbau bald eingestellt werden. Mit einem deutschen Residenten plaudere ich bei einem Gläschen selbst gebautem Wein auf seiner Terrasse und wir haben einen einmaligen Blick nach Vulcano direkt zum Krater, nach Salina, Filicudi und ganz weit weg Alicudi; selbst der Ätna taucht kurz aus den Wolken auf. Der Herr lebt hier seit 25 Jahren und wird ganz offensichtlich von seiner Frau mit diesem "Bonbon" ferngehalten vom Familienunternehmen im Tessin.

Auf Vulcano besteige ich den Vulkan und bade später im Meer, das hier durch unterirdische Fumarolen angenehm erhitzt ist.

Die Fährpassage nach Milazzo und die späteren Zugfahrten sind ein hübsches Lehrstück italienischer Lebensart. Man kann entweder schmunzelnd damit umgehen oder auch teutonische Vorurteile über Italien pflegen. Beispiel 1: In Lipari bekomme ich kein Fahrradticket für die Fähre. Das sei zu gefährlich und ich könne vielleicht mit dem Kapitän verhandeln. Am nächsten Ticketschalter gibt's das Ticket problemlos. Beispiel 2: Für den Kauf von Zug-Fahrradtickets gelten jedes Mal andere Regeln. In Milazzo: Völlig problemlos. In Cefalù: Nur im Reisebüro zu haben, nach einstündiger Prozedur mit vielen Stempeln und Pass vorzeigen. In Palermo: Radticket braucht man nicht, dann aber doch zu einem Fantasiepreis. Beispiel 3: Die Fähren sind um Stunden und die Züge um zig Minuten verspätet. Es gibt keinerlei Information und niemand ist ungeduldig. Beispiel 4: Der Zugschaffner nimmt mit vielsagendem Blick mein ungestempeltes Ticket an sich. Verkauft er es weiter?

 

Cefalù hat eine malerische Altstadt und einen imposanten normannischen Dom. Einst war die Stadt letzte oströmische Bastion auf Sizilien gegen die Sarazenen. Momentan findet ein Eucharistischer Diözesankongress statt und als beim Schlussgottesdienst ein Grußwort des Kardinalstaatssekretärs Angelo Sodano verlesen wird, ist für das Publikum das Glück perfekt.

Palermo ist laut, der Verkehr mörderisch und die ganze Stadt ist im Verfall begriffen, private wie öffentliche Gebäude (z. B. Carabinieri-Kaserne, Staatsbibliothek). Der Stadtplan von der Tourist Information ist eine Katastrophe; eine mehrere Kilometer lange Ausfallstraße schrumpft in der Realität auf eine Sackgasse von 200 m. San Giovanni degli Eremiti, ein Kloster mit arabischem Kern, finde ich deshalb nicht, das normannische Castello della Zisa (völlig seelenlos restauriert) erst nach mehrmaligem Fragen. Der von außen normannisch-arabische Dom fällt im klassizistischen Inneren etwas ab. Der 200 Jahre alte Botanische Garten ist eindrucksvoll, allerdings ziemlich einseitig auf Bäume und etwas Kakteen ausgerichtet. In der Martorana, einer italienisch-albanischen Kirche stört mich der Touristenrummel; hier geht's zu wie in Westminster oder im Nidaros-Dom.

Enna liegt auf knapp 1.000 m, es ist neblig, kalt und nieselt. Bei gerade 10 m Sichtweite finde ich kaum zu meinem Hotel. Ich kann niemanden fragen, weil die Straßen bei diesem Wetter menschenleer sind. Deshalb starte ich am nächsten Morgen, immer noch in dichtem Nebel, einige hundert Meter hinunter nach Caltagirone. Die Stadt ist einst auf einem Hügel wohl nur für Fußgänger gebaut und heute Weltkulturerbe der UNESCO. Die Stadt ist Zentrum der Keramikherstellung und die imposante Freitreppe zum Domberg ist mit handgemalten Majolikafliesen verkleidet. Im sehenswerten Keramikmuseum sind Keramikprodukte vieler Epochen von der Antike bis heute ausgestellt. Herstellung und wirtschaftliche/soziale Bedeutung sind ausgespart und ich hätte gern mehr über Farbtechnologie erfahren.

Durch weite Obst- und Gemüsefelder geht es hinunter nach Catania, Weltkulturerbe der UNESCO wie auch Caltagirone. Nach einem schweren Erdbeben wurde die Stadt im Barock neu aufgebaut, oft mit schwarzem Lavagestein, das der Innenstadt ein ganz einzigartiges Gesicht gibt. Ich besichtige die Kathedrale, die Musikakademie, bleibe lang im Giardino Bellini. Die vielen Bettler, insbesondere vor der Kathedrale, scheinen organisiert zu sein, z. B. mit regelmäßigem Schichtwechsel. Der große Fisch- und Gemüsemarkt an der Porta Uzeda hält mich lang gefangen. Noch interessanter als der Fisch sind die Leute, die hier handeln, bummeln, schauen, streiten ... Und nur ein paar Meter vom Markt erlebe ich wieder ein bisschen italienische Kultur. Zwei kaum 14-jährige Jungen auf einem Scooter überholen mich und zerren an meiner Fototasche. Als das nicht gelingt, düsen sie lachend und winkend davon. Und im Hotel werde ich auch ein bisschen beschubst. Luigi, der Rezeptionist, begrüßt mich überschwenglich wie einen alten Freund: "Herzlich willkommen. Da sind Sie ja wieder. Wo waren Sie inzwischen? Alles mit dem Fahrrad? ..." "... Welches Zimmer bekomme ich heute?" "Es tut mir leid, wir haben Ihre Reservierung vergessen. Aber ich kann Ihnen unsere Suite anbieten ... Sie kostet nur ... Sie werden sehr bequem wohnen ..." Es nützt alles nichts. Ich nehme schließlich die Suite und wohne wirklich komfortabel mit Dachterrasse, Bibliothek, Wohnzimmer, eigenem Spa usw. Erheblich billiger hätte ich mir die Übernachtung schon gewünscht. Vielleicht ist Luigi ein echter Menschenkenner, ein Schlitzohr allemal, und hat gespürt, dass ich mir kein anderes Hotel suchen werde?

Italien ist Autoland und ich kann beim besten Willen keinen Nicht-Auto-Weg zum Flughafen finden. Schließlich radle ich die paar Kilometer auf der Autobahn; niemand stört's, nicht einmal die Polizei. Aber ich stehe Ängste aus.

Wegen eines kleinen Missverständnisses werde ich daheim nicht am Flughafen erwartet. Mein Taxifahrer ist froh, dass er nach 4 Stunden anstehen kurz vor Mitternacht wenigstens noch eine Fuhre bekommt.

 

horizontal rule

Home