Radreise Nordirland 2012
22. Juni - 15. Juli 2012

durch die Republik Irland
Dublin - Sligo - Donegal - Greencastle

Um 4 Uhr, mitten in der Nacht, reißt der Wecker Traudl und mich aus dem Schlaf. Nach einer schnellen Tasse Kaffee lassen wir uns zum Flughafen bringen. Die Dame am Check-in weiß nicht, ob und wie viel unsere Räder kosten. Das Einfachste für sie ist, sie „vergisst“ das Sondergepäck zu berechnen, nachdem wir ihr versichert haben, unsere Drahtesel seien selbstverständlich so verpackt, wie Aer Lingus das verlangt. Davon kann zwar keine Rede sein, aber nach aller Erfahrung kümmert sich die Sondergepäckannahme überhaupt nicht um solche Spitzfindigkeiten. Los geht’s!

Nach der Landung in Dublin empfängt uns Irland stilgerecht mit rasch abwechselnd Regen und Sonnenschein. Erst einmal bleiben wir in der Republik Irland. Über Drogheda dem Boyne entlang, dem Schicksalsfluss der Iren, sind wir bald im Shannon-Gebiet. Nach Ballina erreichen wir die Westküste.

Sligo ist für uns Irland wie aus dem Bilderbuch, graue Häuser, oft grellbunte Fassaden, abends irische Volksmusik im Pub, von Hobbymusikanten dargeboten und nicht von Profis wie etwa in Killarney. Die Abtei aus dem 13. Jh. liegt seit langem in Trümmern, wird aber punktuell liebevoll restauriert. Der Hochaltar aus dem 15. Jh. und vor allem der spätromanische Kreuzgang sind sehenswert.

Der Küste entlang, vorbei an saftigen Weideflächen, fast immer begleitet beinahe tunnelartig von wuchernden Hecken, oft prächtigste Fuchsien, strampeln wir nach Bundoran. Dieser für Irland typische Badeort kann für viele stehen: schöner Sandstrand, über(?)-dimensionierter Vergnügungspark, riesige Mobile-Home-Siedlungen, lebhafte Gastronomie im Stadtzentrum und erschreckend wenig Touristen. Es ist wohl billiger, in eines der sicheren Sonnenziele (Kanaren, Balearen, Türkei …) zu fliegen, als hier auf Badewetter zu hoffen. Wie schon vor Jahren, damals stand die irische Wirtschaft noch in voller Blüte, ist mir rätselhaft, wie diese halb und teils völlig leer stehenden Ferienanlagen wirtschaftlich überleben können, inbes. auch weil die Badesaison nur kurz sein kann.

Das Städtchen Donegal atmet Geschichte. Von der trutzigen Burg aus leistete der mächtige O’Donnell-Clan Widerstand gegen die englischen Eroberer, verlor im Lauf der Zeit seine 14 Burgen und musste 1607 endgültig klein beigeben (Flight of the Earls). Berge und einsame Torflandschaften bestimmen die Landschaft hier im Norden. Slieve League ist mit 601 m eine der höchsten Meeresklippen in Europa; dagegen kommen die wesentlich bekannteren Cliffs of Moher (weiter im Süden) nur auf gut 200 m.Von Killybegs aus, größter Fischereihafen Irlands, nehmen wir die steile Coast Road über Muckross Head. Diese wunderschöne Strecke kostet beinahe unsere letzte Kraft. Wir müssen uns immer wieder losreißen von den grandiosen Ausblicken über Küste, See und Inseln. Das Wetter ist uns heute meist gnädig mit nur gelegentlichen kurzen Sprühschauern. Wir bereuen keinen Meter.

In Kilcar wollen wir unseren Kalorienspeicher wieder auffüllen. Nein, leider hier gebe es nichts, aber vielleicht in diesem Dorf oder auch in jenem, es seien nur ein paar Meilen … Gerade als wir wieder suchend um uns schauen, ent­decken wir zwei ungefähr 12-jährige Mädchen, die vor der Haustür selbst gebackenen Kuchen anbieten, dazu Tee oder Kaffee. Unglaublich, wie beinahe professionell die beiden das machen und der Kuchen – von den Kindern selbst gebacken! – schmeckt un­glaublich gut. „Was wisst Ihr von Deutschland?“ „Der Rhein ist ein großer Fluss.“ Selten habe ich so gern ein wirklich großzügiges Trinkgeld gegeben.

Von Rathmullan aus sind 1607 die bedeutendsten irischen Grafen ins Ausland geflohen. Ein kleines Museum zeigt in Texten hervorragend Hintergründe, Entwicklung zu und Folgen der „Flight of the Earls“, dem für Jahrhunderte weitgehenden Ende irischer Herrschaft, Kultur und Bildung auf der Insel. Schade, dass der Bildteil krass abfällt, fast nur Bilder der Kapelle, die die Exil-Adligen in Rom gebaut haben. Das interessiert zumindest mich nicht einmal am Rand.